Aprilia Mana 850 – stufenlose Automatik trifft auf Motorrad

Köstliches Essen, tolles Design, feinster Maschinenbau und eine entspanntere Sicht der Dinge – es gibt einiges, wo die Italiener zu begeistern wissen. Und Sie können bei Motorrädern polarisieren wie kaum ein anderes Land. So auch im Jahre 2007, als mit der Aprilia Mana 850 ein hübsches Motorrad präsentiert wurde, daß sich von allen anderen auf dem Motorradmarkt unterscheiden sollte – es verfügte über ein stufenloses Automatikgetriebe. Automatik-Motorräder an sich sind eigentlich nichts Neues. Honda versuchte es bereits 1979 eher erfolglos mit der CB 400 T und der „Hondamatic“. Sieben Jahre davor floppte die ebenfalls mit einer Zweistufen-Automatik motorisierte Moto Guzzi V 1000 Convert. Diese beiden glücklosen Konzepte hatten aber auch zwei gravierende Nachteile: zu hohes Gewicht bei zu wenig Leistung.

Automatikgetriebe im Motorrad

Aprilia Mana 850 – Bild (c) Piaggio

Rund 30 Jahre später ist ein Automatikgetriebe nichts besonderes mehr. Der Automarkt bietet vom günstigen Kleinwagen bis zur teuren Oberklasse diese bequeme Schaltung an. Bei Motorrädern entwickelten sich Maxiroller wie der Suzuki Burgmann zu Verkaufsschlagern. Keiner wird die Vorteile dieser Technik in Frage stellen. Doch wie sieht es aus, wenn nun der Motorradfahrer statt Kupplung und Schalthebel wie von Geisterhand die Gänge wechselt? Vor diese Tatsache stellte Aprilia die Betrachter 2007, als die Mana 850 präsentiert wurde. Der aus Norditalien stammende und zum Piaggio-Konzern gehörende Hersteller verdiente sich sein Geld bis zu diesem Zeitpunkt mit Rollern. Aber scheinbar wurde intern längst überlegt, was Motorradfahrer eigentlich am Motorradfahren reizvoll finden und wie sich daraus am besten ein Motorrad entwickeln lässt. Reizvoll sind für den Biker Fahrtwind, Beschleunigung, das Bremsen in die Kurve und natürlich die Schräglage. Doch was ist eigentlich mit Kuppeln? Braucht man die Kupplung wirklich, um genussvoll durch die Landschaft zu fahren? Oder macht der Reiz vor allem die oben angesprochenen Einflüsse aus? So gesehen, braucht es die Kupplung eigentlich nicht unbedingt. Und an dieser Stelle setzte die Überlegung von Aprilia an, ein technisch fortschrittliches Motorrad zu entwickeln, daß den ständigen Griff zu dem linken Hebel einfach erspart und trotzdem satt und ohne Geruckel beschleunigt.

Erster Kontakt mit der Aprilia Mana

Aprilia Mana 850 – Bild (c) Piaggio

Kleine Verwirrung bereits am Anfang: der Druck auf den Anlasserknopf ist nur dann von Erfolg gekrönt, wenn gleichzeitig auch der Handbremshebel gezogen wird – Rollerfahrer kennen das, Motorradfahrer weniger. Der flüssigkeitsgekühlte, von Piaggio gebaute V2 spreizt seine zwei Zylinder im Winkel von 90 Grad und tönt leicht bassig. Nach dem Start sollte nicht am Gas gespielt werden, denn sonst macht die Mana ansatzlos einen Sprung nach vorn. Zeit also, sich das Display etwas näher anzusehen. Dieses liegt sehr gut im Blickfeld und zeigt dem Fahrer, in welchem Modus sich die Automatik gerade befindet. Drei Automatik-Modi und eine sequentielle Schaltung stehen zur Verfügung. Eine sequentielle Schaltung? Über den schwarzen Knopf an der rechten Lenkerarmatur läßt sich auch während der Fahrt regeln, ob man im Touring-, Sport- oder Regenprogramm unterwegs sein möchte. Wer nun im Sport-Modus den Schalter länger als drei Sekunden gedrückt hält, landet im sequentiellen Schaltprogramm, bei dem sich die sieben Gänge entweder über Tasten am linken Lenker oder über einen Fußschalthebel wechseln lassen. An dieser Stelle wird die Sache sehr interessant. Denn die Mana ermöglicht wohl schnellere Gangwechsel, als es selbst routinierte Fahrer mit einem normalen Schaltgetriebe  schaffen. Dazu setzt die Leistung ohne Unterbrechung ein, die 850er beschleunigt einfach ganz lässig weiter – auch wenn geschaltet wird.

7-Gänge und der Variator – die Aprilia Mana will beschleunigt werden

Aprilia Mana 850 – Bild (c) Piaggio

Die Automatik in der Aprilia Mana ist eigentlich ein stufenloses CVT-Getriebe (Continuously Variable Transmission). Die Technik mit dem Variator und seinen verschiebbaren Kegelscheiben ist von unzähligen Automatikrollern bekannt. Simpel, aber staunlich funktional. Braucht es da wirklich noch noch das Spiel mit dem Kupplungshebel? Von diesen kleinen und unscheinbaren Rollern ist auch der „Gummibandeffekt“ bekannt. Das bedeutet, daß die Geschwindigkeit beim Gasgeben zunimmt, sich die Drehzahl aber so gut wie nie verändert, eben weil die stufenlose Automatik immer im drehmomentstärksten Drehzahlbereich arbeitet. Dieses Prinzip funktioniert hervorragend, hatte bisher im Motorrad aber keinen Erfolg, weil es doch auch etwas langweilig zu fahren ist. Einer dieser Gründe, warum gestandene Motorradfahrer Roller meist belächeln. Doch die Mana ist zum Glück kein Roller geworden, sonst wäre diese grandiose Technik wohl gleich wieder in der Versenkung verschwunden. Denn die Mana-Automatik setzt nicht auf „Langeweile“, ganz im Gegenteil ist Sie mit sieben „virtuellen“ Schaltstufen ausgestattet. Diese arbeiten abhängig von Fahrmodus (Touring-, Sport- oder Regen), Gasstellung, Drehzahl, Tempo und noch einigen weiteren Faktoren über einen elektronischer Stellmotor, der immer dafür sorgt daß die Kegelscheiben passend verschoben werden. Anders gesagt ist das Mana-Getriebe eigentlich eine stufenlose Automatik, die einem vorgaukelt zu schalten.

Sanft und sportlich – die stufenlose Automatik der Mana 850 macht Spaß

Aprilia Mana 850 – Bild (c) Piaggio

Das Motorrad schiebt dabei ganz gefühlvoll die vollgetankt immerhin 229 kg schwere Mana vorwärts. Daran können auch Grobmotoriker nichts ändern. Denn selbst wer den Gasgriff eher binär mit 1-0-1-0 bedient, erlebt sanften Vortrieb. An der Ampel lassen sich somit ohne Probleme vergleichbare, aber konventionell geschaltete Motorräder, ausbeschleunigen. Ohne Zugkraftunterbrechung rennt die Aprilia Mana mit Nachdruck voran. Das Touring-Programm wird nach Aprilia-Einschätzung am häufigsten genutzt. Dabei macht dieses ungewohnte Fahren richtig Spaß! Ohne die kleinste Gedenksekunde, völlig verzögerungs- und ruckfrei schaltet die Automatik durch die Gangstufen. Experiment gelungen – schneller und unauffälliger kann ein Schaltvorgang nicht ausgeführt werden. Weil die Aprilia Ingenieure dem Touring-Modus soviel Aufmerksamkeit schenkten, wird vielleicht etwas enttäuscht sein, daß der Sport-Modus nicht noch eins draufsetzt. Dieses Programm dreht die virtuellen Gänge zwar höher aus, doch fühlt sich das hohe Drehzahlniveau auf Dauer nervig an. Auch wenn es dem Piloten so vorkommt – subjektiv schneller ist man, objektiv dagegen sind die Fahrleistungen im Vergleich zum Touring-Modus nur marginal besser.

Durch die Gänge schalten – bei der Aprilia Mana auf Knopfdruck oder per Fußhebel

Aprilia Mana 850 – Bild (c) Piaggio

Bleibt die Frage: lieber schalten lassen oder selber schalten? Die Thematik, wie einem die Automatik ein Schaltgefühl vorgaukelt wurde bereits angesprochen. Also drei Sekunden auf den rechten Knopf gedrückt und es darf selbst geschalten werden. Daumen und Zeigefinger übernehmen dies durch Rauf- und Runtertasten an der linken Lenkerarmatur, ersatzweise kann auch der linke Fuß den Schalthebel bedienen. Das Gefühl eines normalen Schalthebels bietet dieses Exemplar dabei nicht. Eine mechanische Rückmeldung in Form von Schaltwegen und Einrasten wird nicht geboten, der Hebel betätigt nur einen elektrischen Kontakt. Hand- und Fußbetrieb können dabei nach Belieben gewechselt werden und irgendwann wird der Handbetrieb „automatisch“ bevorzugt. Eine verrückte Sache! Verschalten ist somit unmöglich! Die Elektronik sorgt außerdem dafür, daß auch im sequentiellen Programm beim Anfahren immer der erste Gang eingelegt ist und das Fahren damit so angenehm wie möglich gestaltet. Der Fahrer kann sich voll aufs lustvolle Kurvenwetzen konzentrieren, ohne dabei einen ausladenden Maxiroller zu pilotieren.

Ein Blick auf das Fahrwerk der Aprilia Mana

Aprilia Mana 850 – Bild (c) Piaggio

Typisch italienisch ist der Gitterrohrrahmen aus Stahl. Dieser sorgt für ein gute Stabilität, ohne dabei die Optik mit unschönen und zu großen Gussteilen zu verunstalten. Eine gute Wahl von Aprilia. An der Front kommt eine Showa USD-Gabel zum Einsatz, während eine hübsche Aluschwinge mit außermittig montierten Monofederbein das Hinterrad führt. Hier werden überzeugte Rollerfahrer die Nase rümpfen. Kettenantrieb? Durch die Schwinge ließ sich keine andere Lösung realisieren, die preislich noch im Rahmen bleibt. Schade, aber Motorradfahrer dürften damit weniger Probleme haben.

Verzögert wird an der Front auf Sportniveau: die mit radial verschraubten Vierkolbenzangen bestückten Bremsen erledigen Ihre Aufgabe sehr gut. Passend zu den Bremsen, zeigt sich auch das Fahrwerk leicht sportlich abgestimmt, ohne dabei Fahrkomfort vermissen zu lassen. Ankreiden könnte man dem Fahrwerk nur den zu üppig gewählten Hinterradreifen  als 180er. Dieser provoziert ein unnötig hohes Aufstellmoment beim Bremsen in Schräglage und auch die Spurtreue erhält dadurch störende Einflüsse. Käufer der Aprilia Mana wechselten dabei meist noch vor der Verschleißgrenze die Reifen. Hier gilt es, sich Tipps im Aprilia Mana Forum zu holen.

Nicht typisch Motorrad – aber typisch Mana 850

Aprilia Mana 850 – Bild (c) Piaggio

Daß es sich bei der Aprilia Mana 850 um ein ungewöhnliches Motorrad handelt, welche das beste aus zwei Welten in sich vereint ist klar geworden. Neben der reinen Antriebstechnik bietet Sie aber auch noch ein paar ganz besondere Leckerbissen, die Erwähnung finden sollen:

Da gibt es als Highlight das Staufach unter der Tankattrappe. Geöffnet wird dieses elektrisch über einen Schalter am Lenker. Das Fach schluckt locker einen Integralhelm oder den Vorrat an Gerstensaft für den Freitagabend. Beleuchtet ist es ebenfalls und erspart Fummelei in der Dunkelheit. Mit Handyhalter und 12V Anschluß komplettiert die Mana ihr Ausstattungspaket. Wer nun noch den Benzintank sucht wird unter der Sitzbank fündigt. Das Benzin wird unterhalb des Soziuspolsters eingefüllt und schwerpunktgünstig tief gebunkert. Batterie und Sicherungen sind somit ebenfalls sehr leicht zugänglich. Der 15-Liter Tank ermöglicht eine Reichweite von gut 300 Kilometern, es hätte mehr sein können, doch das Tankstellennetz ist zum Glück heutzutage ausgebauter als noch in den 1970er Jahren. Geparkt wird die Mana durch eine aufs Hinterrad wirkende Feststellbremse an der Seite – das sorgt nebenbei für erstaunte AHA-Gesicht anderer Biker.

Fazit Automatik Motorrad Aprilia Mana 850

Knapp 8.900 Euro verlangte Aprilia im Einführungsjahr für die Aprilia Mana. Kein Schnäppchen, aber mit Ausstattung wie Edelstahl-Auspuff und gediegener Verarbeitung durchaus akzeptabel. Ein Verkaufsschlager wurde Sie aber nie, vielleicht fühlten sich viele Motorradfahrer noch nicht reif für diese Art Motorrad. Modelle mit wenig Kilometern sind auf dem Motorrad Gebrauchtmarkt fast schon für Schnäppchenpreise zu ergattern. Angebot und Nachfrage haben sich auf einem relativ stabilen Preis eingependelt. Das dürfte Freunde von ungewöhnlichen Motorrädern freuen, die keine Lust mehr auf gängige Einheitsware haben. Seit 2009 ist außerdem die Aprilia Mana 850 GT im Angebot und bietet mit einer schnittigen Halbschale mehr Windschutz. Das empfehlenswerte ABS Bremssystem ist bei den meisten Modellen bereits mit an Board. Nun gilt es also, auf zur Probefahrt bevor dieses Motorrad vielleicht schneller wieder vom Markt verschwindet, als gedacht!

– – – Dies ist keine offizielle Seite von Aprilia – – –